Zukunftshaus - 18.02.2016
Ein ungewöhnlicher Bau ist im Zentrum von Frankfurt am Main entstanden. Das größte Plusenergiegebäude Deutschlands wurde von der HHS Planer + Architekten AG geplant und Anfang Juli 2015 eröffnet. Von Manuela Mathy

Das Haus ist Deutschlands größtes Wohngebäude, das mehr Energie erzeugt als es verbraucht. Bild: Constantin Meyer, Kdn

Viele Überlegungen, Stunden des Nachdenkens und der Gespräche setzt es voraus, um ein Bauwerk, das in der Jahresbilanz mehr Energie erzeugt, als dessen Bewohner verbrauchen, auf einem ursprünglich als unbebaubar geltenden Grundstück zu planen und zu bauen. Die Architekten der HHS Planer + Architekten AG in Kassel haben sich dieser Herausforderung gestellt und den Bau realisiert.


Die Fassade ist großflächig mit PV-Elementen bestückt.

Innerhalb von 24 Monaten ist im Frankfurter Gutleutviertel nahe dem Main ein außergewöhnlicher Bau entstanden: das derzeit größte Wohngebäude Deutschlands, das mehr Energie erzeugt, als seine Bewohner verbrauchen! Auf einem Grundstück mit 150 m Länge und nur 9 m Tiefe entstand das schmale Haus der Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG mit 74 Mietwohneinheiten und einer Gesamtwohnfläche von 6.644 m2. Die Wohnungen verteilen sich auf acht Stockwerken und sind zwischen 60 und 120 m2 groß. Das 150 m lange Grundstück erstreckt sich von Osten nach Westen, parallel zum Main und befindet sich nur wenige Minuten vom Frankfurter Hauptbahnhof entfernt. Und es steht da, selbstbewusst und attraktiv, ein gertenschlankes Model.

Auf einem ehemaligen Parkplatz entsteht das Aktiv-Stadthaus
Der besonders knappe Grundstückszuschnitt wurde nahezu vollständig verbaut. Das äußere Erscheinungsbild wird im Wesentlichen durch Glas bzw. in Glas integrierte Photovoltaik und Faserzementplatten bestimmt. Die energetischen Eigenschaften, welche das Haus mit sich bringt, sind über die Photovoltaikfassaden und das Energiedach zwar wahrnehmbar, wirken aber nicht aufdringlich.Die 74 Mietwohnungen teilen sich in Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen auf. Die knapp geschnittenen Wohnungen wirken auf Grund des großen Tageslichteinflusses dennoch relativ großzügig und verfügen alle über eine Loggia bzw. einen Balkon.„Schon bei der Planung hatten wir das Ziel, möglichst ökonomisch und ökologisch zu bauen. Deshalb haben wir uns für eine Hybridkonstruktion entschieden“, erklärt Arch. Andreas Wiege, Büropartner bei Hegger Hegger Schleif Architekten. Das bedeutet, dass beim Aktiv-Stadthaus nur die primäre Tragkonstruktion aus Stahlbeton gefertigt ist. Die gesamte Dach- und Außenwandkonstruktion wurde in vorgefertigten Holzrahmenelementen errichtet. Das bringt den Vorteil, dass der Wandaufbau, mit KfW-40 Standard, mit
47 cm bei der Nordfassade und mit nur 55 cm bei der Südfassade dünner ist als bei einer Massivkonstruktion. Der Vorteil dieser Bauweise ist, dass auf dem schlanken Grundstück eine größere vermietbare Fläche entsteht, die sich als wirtschaftlicher und nachhaltiger erweist.

Besondere Features für die Energiegewinnung
Der Effizienzhaus-Plus-Standard verlangt, dass Gebäude übers Jahr gerechnet eine positive End- und Primärenergiebilanz erreichen müssen. Folgende Features bietet das Haus:
  • Bereitstellung von Energie aus lokalen Energiequellen
  • 1.117 verbaute Photovoltaikmodule
  • Abwasserkanalsystem der Stadt dient als Wärmequelle
  • Nur Haushaltsgeräte mit A++- und A+++- Standard wurden verbaut
  • LiFePo-Batterie im Keller
  • Touchpanel zur Energieüberwachung für jede Wohnung
  • Carsharing und Fahrradstellplätze
„Um ein möglichst großes Plus an Energie erwirtschaften zu können, haben wir beim Aktiv-Stadthaus passive und aktive Maßnahmen miteinander kombiniert“, so Wiege. Das Haus basiert auf einer wirtschaftlichen Reduzierung des Energie­bedarfs und der Bereitstellung von Energie aus lokalen Energiequellen. Eine Kombination aus Wärmepumpe, Photovoltaik und Solartherme deckt den kompletten Wärmebedarf. Um das Ziel des Plusenergie-Wohnhauses zu erreichen, wurde das Haus als aktive Maßnahme am Dach und auch an der Südfassade mit Photovoltaikmodulen ausgestattet. 769 Module mit einem Wirkungsgrad von 20 % und einer Leistung von ungefähr 250 kWp sind alleine auf dem 1.500 m2 großen Dach verbaut. Der jährliche Stromertrag daraus beträgt etwa 300.000 kWh/a.  Dieser Strom wird in einer Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie, die sich im Untergeschoss des Hauses befindet, gespeichert. Um das Energiekonzept abzurunden, wurden alle Wohnungen von der ABG mit besonders sparsamen Haushaltsgeräten, mit Standard A++ und A+++, ausgestattet. Zu den passiven Maßnahmen zählen eine wärme- und luftdichte Gebäudehülle sowie eine dezentrale, mechanische Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung in den Wohnungen, die einen sehr geringen Heizwärmebedarf mit sich bringt.


Architekt Andreas Wiege: „Wir hatten das Ziel, möglichst ökonomisch und ökologisch zu bauen. Daher haben wir uns für die Hybridbauweise entschieden.“

Abwasserkanäle der Stadt als ­Wärmequelle

„Die Wahl der Wärmequelle stellte sich bei diesem Bauwerk als ungewohnt schwierig heraus. Eine Außenluft-Wärmepumpe wäre zu ineffizient gewesen, und das Grundwasser durfte wegen der Verschmutzungsgefahr nicht angetastet werden“, erklärt Architekt Wiege die Herausforderung bei diesem Haus. So lenkte das Planungsteam seine Aufmerksamkeit auf die Abwasserkanäle der Stadt. 200 m nördlich des AktivStadthauses wurde ein 55 m langer Edelstahl-Wärmetauscher verlegt. Von diesem führt eine Soleleitung ins Erdgeschoss des Gebäudes und wieder zurück. Der größte Teil verläuft durch die Nachbarhäuser, die ebenfalls im Besitz der ABG sind. Nur
30 m verlaufen auf öffentlichem Grund. Die von der Wärmepumpe erzeugte Wämre gelangt zunächst in drei der je 5.000 Liter fassenden Pufferspeicher und von dort aus in zwei unterschiedliche Wärmekreisläufe. Einer versorgt die Fußbodenheizungen und Letzterer ist ein Hochtemperaturkreislauf für die Warmwasserversorgung.

Pauschalpreis
Eine weitere Besonderheit im Aktiv-Stadthaus ist, dass die Kosten für Heizung, Warmwasser und Elektrizität bereits im Mietpreis enthalten sind. Die Warmmiete beträgt je nach Größe der Wohnung zwischen 12,50€ und 14,40 € je m2. Um den Verbrauch selbst nachverfolgen zu können, erhält jede Mietpartei ein Tablet mit einer vorinstallierten App. Dies ermöglicht den Bewohnern jederzeit einen Überblick über den aktuellen Energieverbrauch und kann diesen mit der aktuellen Stromerzeugung vergleichen. Aber auch weitere Features wie Informationen sind abrufbar. „Unser Gedanke dabei war, das Bewusstsein zum Thema Energie bei den Bewohnern spielerisch zu stärken“, erklärt Architekt Wiege. Bei einem nachhaltigen Wohnkonzept dürfen Car-Sharing-Fahrzeuge natürlich nicht fehlen. Auch die Verfügbarkeit dieser Autos kann über die App abgerufen werden. Vorrangig wird dennoch auf die Fahrradmobilität gesetzt. Ebenerdig, bequem erreichbar und nahe der Eingangstüre sind ausreichend Stellplätze für Fahrräder vorhanden.

Zukunftsorientiert
Der Aktiv+Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Idee des Plusenergiehauses zu verbreiten und auch in Zukunft weiter zu entwickeln. AktivPlus ist eine gemeinnützige Initiative von Planern und Wissenschaftlern mit dem Ziel, einen zukunftsfähigen Standard für Gebäude und Quartiere zu entwickeln und in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu etablieren. Gründungsmitglied des Vereins ist Manfred Hegger von der HHS Planer + Architekten AG, der an der Planung des Aktiv-Energiestadthauses mitgearbeitet hat. Gemäß der europäischen Gebäuderichtlinie sollen ab 2020 Neubauten nur noch als Niedrigstenergiegebäude errichtet werden.

Aus den Jury-Bewertungen
Matthias Komarek fasst zusammen, was auch andere Jururen denken: „Effizientes Gebäude (thermisch noch optimierbar) mit Wohnraumlüftung, PV, Batterie und sogar Carsharing – was will man mehr?“

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